Kleine schwarze Federn


Einst hatte eine Frau über ihren alten Pfarrer eine häßliche Verleumdungsgeschichte aufgebracht, die schnell durch die ganze Gemeinde flog und weit über ihre Grenzen hin Unheil anrichtete. Als die Frau bald darauf schwer krank wurde, bereute und bekannte sie ihre Lügen. Nach ihrer Genesung ging sie zum Pfarrer und bat ihn um Verzeihung. ‚Gewiß verzeihe ich dir gern'; sagte der alte Pfarrer freundlich, ,,aber weil du mir damals so weh getan hast, möchte ich dich jetzt um einen Gefallen bitten!" ,,Gern", rief die Frau erleichtert. .Geh heim und schlachte ein schwarzes Huhn und rupfe ihm alle Federn aus, auch die kleinsten. und verliere keine davon. Dann lege die Federn in einen Korb und bringe sie zu mit. Die Frau dachte, daß es sich um einen alten Brauch handele und tat, wie ihr geheißen war. Nach kurzer Zeit kam sie mit dem Körb-chen voller schwarzer Federn wieder zum Pfarrer. "So", sagte dieser ,,jetzt geh langsam durch das Dorf und streue alle drei Schritte ein we-nig von den Federn aus und dann steige auf den Kirchturm, wo die Glocken hängen, und schütte den Rest dort oben auf das Dorf hinab. Dann komm wieder zu mir!" Die Frau war nach einer Stunde wieder mit dem leeren Korb beim Pfarrer. ,,Schön", meinte der freundlich, ,,jetzt gehe durch das Dorf und sammle alle die ausgestreuten Federn wieder in dein Körbchen, aber sieh zu, daß keines fehlt!" Die Frau starrte den Pfarrer erschrocken an und sagte; ,,Das ist unmöglich! Der Wind hat die Federn in alle Richtun-gen zerstreut." ,,Siehst du, so ist es auch mit deinen bösen Worten gegangen. Wer kann sie wieder einsammeln und zurücknehmen und ihre Wirkung un-geschehen machen? Denke an die kleinen schwarzen Federn, bevor du Worte ausstreust!" So ist es mit vielen Geschichten gegangen, die wir über andere Menschen weitererzählt haben: Kleine schwarze Federn, die der Wind ver-weht. Wer kann sie wieder einsammeln und zurücknehmen? Darum läßt uns Gott sagen: ,,Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten!"