Das Leben ist herrlich


Ja, sie hieß Tabitha - und das bedeutet Gazelle. Ihre Eltern hatten ihr diesen Namen gegeben - vielleicht in der Hoffnung, dass sie ein schlankes, rankes und behendes Menschenkind würde. Nun waren die Eltern schon lange tot, und Gazelle bewohnte das kleine Haus alleine. Einen Mann hatte sie nie gehabt. Der Name Gazelle passte auch nicht mehr zu ihr, denn sie war rundlich. Viele Leute in Joppe hielten sie für ein bißchen wunderlich.
Da war die neue Sekte aufgekommen, die Sekte der Nazarener oder Christen. Und Gazelle war einer der Christen von Joppe gewesen. Und außerdem wimmelte es in ihrem Hause von Witwen, Armen, Bettlern und Taugenichtsen. Was die bei ihr wollten, war kein Geheimnis. Gazelle nähte Kleider für bedürftige Leute. Das war geradezu ihre Leidenschaft geworden. Und arme Mütter brachten ihre Kinder auf dem Arm getragen, deren nackter Hintern in der Sonne leuchtete. Nach Hause aber gingen die Kleinen in einer neuen Hose, in der sie sich noch ganz fremd fühlten. Sicher gab es auch Taugenichtse, die die Gutmütigkeit der Gazelle ausnützten und ein neues Kleidungsstück in süßen Wein umsetzten; später stellten sie sich dann der Wohltäterin wieder in alten Lumpen vor. Aber all dass verdroß Gazelle nicht - sie nähte weiter und schenkte weiter. Sie war in Joppe so etwas wie eine Mutter der Armen. Ist es das ein Wunder, dass die Armen den Atem anhielten, als es hieß: Gazelle ist zu Tode erkrankt! Es fehlte ihr nicht an freiwilligen Pflegerinnen. Die Witwen Joppes wetteiferten, ihr zu helfen und dienstbar zu sein. Indessen: die noch so treue Pflege, die teuren Arzneimittel, von dem zusammengelegtem Gelde der Armen halfen nichts. Gazelle starb. Die Mutter der Armen von Joppe war nicht mehr.
Nie gab es eine größere Trauergemeinde in der Stadt am Meer, als in jenen Tagen. Die Witwen kamen und klagten. Die berufsmäßigen Klagefrauen jammerten und schrien, ohne Geld dafür zu nehmen.
Simon war ein einsamer, gemiedener Mann gewesen. Keiner kam zu ihm hinaus, um seine wertvollen Erzeugnisse an Ort und Stelle zu kaufen. Simon mußte sich auf den Markt und auf den Stand der Gerber begeben - denn er konnte den Käufern den üblen Geruch der Gerberei nicht zumuten. Gazelle aber war zu ihm hinausgekommen und hatte sich beim Eintritt in sein Haus nicht die Nase zugehalten. Sie hatte im Haus mit zugepackt und Simons mürrische Gattin wieder zum Lächeln gebracht. Das Gerberehepaar hatte sich wenig später taufen lassen. "Was einen Menschen so macht, wie Gazelle ist, kann nur etwas Gutes sein!" hatte Simon in seiner rauhen, unbeholfen Art gesagt. Nun aber kam keine Gazelle mehr hinaus in die Gerberei! Simon der Gerber wusch sich gründlich und legte sein gutes Gewand an. "Ich will sie noch einmal sehen", sagte er zu seiner Frau, die verstehend nickte. Sie selber ging nicht gern in Häuser, wo Tote lagen. Simon fand das Haus voller Menschen. Sie drängten sich auch vor dem Eingang. Er hatte einige Mühe hineinzukommen. Gazelle fand er in dem kleinen Dachzimmer, das Gazelles Vater auf das Dach hatte aufsetzen lassen. Dort lag sie in der winzigen Stube und sah im Tode genauso gütig aus wie zu Lebzeiten. Da weinte der Gerber Simon der Mann, der seit seiner Knabenzeit keine Tränen mehr vergossen hatte und in ganz Joppe als ein Rauhbein galt. Eine Zeitlang stand er hilflos da. Dann betete er halblaut und unbeholfen und fuhr der toten Gazelle noch einmal liebkosend mit seiner rauhen Gerberhand über die Wangen. "Du warst eine gute Schwester!", sagte er.
Wieder unten im Haus angekommen, hörte er einen Mann etwas erzählen. Er kannte die Stimme. Es war die des Wasserhändlers Tobi. Tobi war sonst ein Kauz von einem Mann, und kam aus Neugierde dann und wann in die Versammlungen der Christen. "Ich habe es soeben im Haus Alexanders gehört - Simon, den sie auch Petrus nennen ist oben in Lydda! Und er hat in Lydda einen lahmen Mann gesund gemacht - einen Mann namens Aeneas! Acht Jahre hatte der lahm im Bett gelegen. Petrus sprach nur ein Wort - und da konnte Aeneas gehen!" Da sagte Simon der Gerber: "Ich gehe hinauf nach Lydda, Petrus holen!"
"Wozu!? Wenn er in Lydda ist, kommt er doch sowieso zu uns nach Joppe!" "Ich hole ihn!" Sie begriffen. "Ich begleite dich Simon", sagte ein jüngerer Mann namens Nathan. Schon nach sehr kurzer Zeit kam Petrus wirklich nach Joppe. Da war Trauer und Freude zugleich: Trauer um Gazelle und Freude um das Wiedersehen mit Petrus. In seiner unbeholfenen Art hatte Simon zu Petrus gesagt: "Bruder Petrus, wir brauchen dich dringend in Joppe, zögere nicht, mit uns zu kommen!"
Die Freunde und Gastgeber des Petrus hatten nun zwar wissen wollen, was das zu bedeuten hatte; aber Petrus hatte sich merkwürdig schnell zur Reise nach Joppe entschlossen. "Gut, ich kommen mit!", hatte er nur gesagt. Auch unterwegs war wenig gesprochen worden. Simon führte Petrus sogleich in Gazelles Haus und dort in das Oberzimmer, wo Gazelle noch aufgebahrt lag. Sie fanden dort eine Anzahl Witwen bei der Totenklage. Als sie Petrus erkannten hielten sie inne. "Frieden, Bruder Petrus! Ach wie gut, dass du uns in dieser Trauer besuchst! Sieh, diesen Rock hat sie mir geschenkt! Ich hätte mir nie einen neuen kaufen können, und mein alter war kaum noch auszubessern."
"Und meinen Kleinen hat sie ein schönes Hemd genäht!" "Und mein Junge sollte eine Hose kriegen - und nun kriegt er sie nicht mehr von der guten Gazelle!" "Sieh, Bruder Petrus - dies alles hat sie mit ihren Händen genäht!" - Petrus hörte sich die Frauen an. Nach einiger Zeit sagte er: "Schwestern, nun laßt mich mit Gazelle allein!" Sofort und ohne Widerrede gehorchten sie und gingen aus dem Raum. Einige freilich blieben ganz in der Nähe der Tür, um zu hören, was dahinter vorging. "Er betet", flüsterten sie den anderen zu. "Und jetzt - hat er gesagt Tabitha, stehe auf!" "Was hat er gesagt!" "Tabitha, steh auf - Gazelle stehe auf!". Da wurde die Tür geöffnet. " Kommt wieder herein, Schwestern", sagte Petrus, "der Herr hat uns Gazelle wiedergeben!" Und wirklich und wahrhaftig - da saß Gazelle auf dem Bett. Petrus reichte ihr die Hand, da stand sie auf. Sie lächelte wie immer. Die Jubelschreie vom Dach des Hauses übertönten den Klagegesang der Klagefrauen im Hofe. Und durch ganz Joppe lief die Kunde: "Gazelle lebt! Gazelle ist vom Tode auferweckt worden! Das hat jener Simon getan, der den Beinamen Petrus hat! Ein Vater der Christen!" Petrus aber sprach nun mit den Ältesten von Joppe. "Ich ging im Geiste einen Weg, meine Brüder", begann er "ich ging mit ihm, unserem Meister. Deutlich sah ich ihn vor mir hergehen. Sie hatten nach ihm geschickt. Ein Mensch mit Namen Jairus hatte ihn rufen lassen. Dessen Tochter war gestorben. Da lag das Kind - ich hörte seine Mutter klagen, hörte das Klagen der Klagefrauen. Und der Meister sagte zu dem toten Mädchen: "Talitha kumi!" Mädchen, stehe auf! Und da stand sie auf. Liebe Brüder, ich war unserem Meister dabei so innig verbunden, dass ich zu unserer Schwester Gazelle fast die selben Worte sagte: "Tabitha kumi! Gazelle stehe auf!" Und da erhörte mich der Meister. Gazelle lebt. Nun laßt uns dem Herrn danken!"
Gazelle saß wieder an ihrem gewohnten Platz im Hause des Färbers Andreas, als Petrus sein Erlebnis noch einmal erzählte und lange betete. Immer wieder glitten die Blicke der Brüder und Schwestern hinüber zu ihr: als könnten die Menschen nicht glauben, was geschehen war. Neben Simon Petrus saß Simon der Gerber. Er sang den Lobgesang abscheulich falsch, aber er sang ihn mit Tränen in den Augen. Petrus sagte: "Ich möchte noch einige Zeit bei euch sein, Brüder und Schwestern! Wer nimmt mich auf?" "Ich", sagte Simon der Gerber, noch ehe sich ein anderer regen konnte.
"Simon ist Gerber!", klärte einer den Petrus auf. "Was tut das", sagte der, "ich wohne lieber bei einem aufrichtigen Gerber, der unser Bruder ist, als bei einem falschen Duftwasserhändler!". Dann gingen die beiden zur Hütte des Gerbers und Petrus blieb noch eine ganze Zeit in Joppe.