Mein Schutzengel


Damals hatte ich gerade meinen Führerschein. Meine Mutter sagte immer, ich solle keinen Alkohol trinken – ich wusste sie hat Recht, aber was soll man machen? Wenn alle auf der Party tranken, wollte ich nicht nachstehen. Auf dem nachhause Weg passierte es dann, irgendwie waren wir einfach nur gut drauf, es muss an der Stelle ziemlich nass gewesen sein, mein Auto geriet außer Kontrolle und krachte in einen Baum. Außer dem ersten Schock war mir war zwar fast gar nichts passiert, aber meiner Freundin auf dem Beifahrersitz waren beide Beine gebrochen und die vier anderen auf der Rückbank hatten glücklicherweise nur ein Schleudertrauma. Wir wussten alle, als wir die Bilder vom Unfall sahen, dass es hätte schlimmer kommen können und wir waren überzeugt einen Schutzengel gehabt zu haben. Irgendwie hatten wir zwar keine konkrete Vorstellung was das ist oder wie der aussieht, aber eine Schulkameradin hat uns immer erzählt, in ihrer Kirche würde öfter von so was berichtet. Naja, wenn man mal so einen Unfall hat, darf man mal über so was nachdenken. Aber wer weiß darüber schon wirklich Bescheid.

Ja, nach dem Unfall musste ich ja noch mal die Nachschulung besuchen, was für ein Scheiß, das Ganze noch mal anhören, also davon bin ich nicht zur Vernunft gekommen. Aber der Unfall selber hat schon ein bisschen verändert. Auf der Geburtstagsfeier von meinem Freund, wir waren verliebt ohne Ende, und ich wusste wir würden hinterher noch ein wenig allein sein, trank ich keinen Alkohol. Nachdem ich meinen liebsten in den frühen Morgenstunden allein ließ, fuhr ich nach Hause. Kurz vor einer Kurve kam so ein typischer Golf-GTI Fahrer um die Ecke und hatte sich wohl ein wenig überschätzt und knallte mit praller Wucht in mein Auto. Als ich aufwachte lag ich im Krankenhaus und der Oberarzt erzählte mir ich hätte zwei Wochen geschlafen. Ich konnte mich an nichts mehr erinnern, nur dass irgendwelche Gestalten, es muss im Traum gewesen sein, mich beschützten. Wieder kam der Gedanke an den Schutzengel, als mir mein Freund alle Details des Unfalls erzählte, u.a. von dem betrunkenen Golf-Fahrer. Aber warum jetzt wo ich keinen Alkohol mehr trank, wenn ich Auto fuhr, und trotzdem war ich wieder beteiligt. Wenn wir uns vor unseren eigenen Fehlern schützen können, aber wie schütze ich mich vor den Fehlern anderer. Nein der Schutzengel, wenn er überhaupt da war, hat nur seine Pflicht getan.

Mein Freund von damals war inzwischen mein Mann geworden und wir sollten unser erstes Kind bekommen. Im achten Monat setzten plötzlich die Wehen ein. Es wurde alles so schlimm, mein Mann brachte mich ins Krankenhaus und irgendwann fiel ich in Ohnmacht. Die Ärzte brachten unseren Jungen durch Kaiserschnitt zur Welt. Dabei habe ich so viel Blut verloren, dass sich die Ärzte nicht sicher waren ob ich durchkommen würde. Zehn Tage Ungewissheit für meine Familie. Innerhalb dieser zehn Tage wurde festgestellt, dass der Junge starke Missbildungen hatte und womöglich ein Leben lang querschnittsgelähmt sein würde. Mir kam der Gedanke des Schutzengels erst gar nicht auf. Die Natur hatte es mit aller Gewalt auf uns abgesehen und das ich noch lebte, war nur die Errungenschaft der Medizin.

Die Jahre danach war die schönste Zeit in unserer Ehe wir konnten mit erleben wie unser Sohn trotz der Behinderung voller Freude war und gute Fortschritte machte. Wir liebten ihn über alles. Er war unser Lebensmittelpunkt. Mit 44 erkrankte ich dann an Leukämie. Leider wurde dies viel zu spät erkannt. Und die Ärzte machten mir nicht viel Hoffnung. Ein Jahr später, den letzten Monat verbrachte ich nur noch im Krankenhaus, war es dann vorbei. Zwei Wochen vor meinem Tod war die Schulkameradin, die aus der Kirche, noch mal bei mir gewesen und erzählte mir vom christlichen Glauben. Das jeder Mensch sich seiner Schuld bewusst werden müsse und Gott ewiges Leben schenken möchte. Irgendwie schien mir das total überflüssig, wenn es Gott wirklich gibt, dachte ich, dann hätte er mir das auch anders zeigen können.

Nun jetzt muss ich sagen, wie ich nur so gedankenlos über die Erde laufen konnte. Gott hatte sich so oft in meinem Leben gezeigt und mich einige Mal vor Schlimmerem bewahrt, aber ich wollte davon nichts wissen. Wenn ich nur meiner Familie erzählen könnte, wie viel Engel sich um mich gekümmert haben, dann würden sie das Leben aus anderen Augen sehen. Nun ist es aber zu spät und mir ist bewusst, dass ich die Ewigkeit nicht mit Gott verbringen werde. Das wird ziemlich langweilig. Es gibt nichts woran man Freude haben könnte und dabei daran zu denken, dass meine Familie womöglich genauso sterben wird, quält mich jede Sekunde mehr als die Zeit der Chemotherapie während meiner Krankheit.

Gruß Eure ........